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My realities
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Andokai - Sturmtänzerin
I
Die Dorfbewohner erzählten immer wieder und wieder, spätestens jedoch jedes Jahr am sich jährenden Tage ihrer Geburt von den seltsamen Umständen ihrer Geburt und dem guten Omen für das Ganze Dorf, dass sie mit sich brachte.
Auch in diesem Jahr setzte sich die Elfe Arundel, als die Dämmerung hereinbrach, an den Kamin und zog damit die Aufmerksamkeit aller Gäste auf sich.
Die Kinder, die schon genau wussten, was nun kommen würde, ließen sich zu ihren Füßen nieder und blickten sie mit großen Augen an. Die Gespräche im Raum verebbten und nach und nach versammelten sich die Leute um die Elfe mit erwartungsvollem Blick.
Nur das Geburtstagskind, ein etwa 14 Jahre zählendes Menschenmädchen, hielt sich im Hintergrund. Sie setzte sich an den großen Holztisch, der bis grade eben noch Mittelpunkt des Geschehens gewesen war, stützte das Kinn auf die Hände und blies sich gelangweilt eine der vorwitzigen dunkelblonden Haarsträhnen aus dem Gesicht. Ihre bernsteinfarbenen Augen, in denen goldene Pünktchen wie kleine Lichter tanzten, rollten gelangweilt als die Elfe ihre Stimme erhob.
Jedes Jahr wieder dieselbe Geschichte, die die Umstände ihrer Geburt erzählte. Die Umstände, die sie von ihrer Geburt an zu einer Art Maskottchen des Dorfes hatte werden lassen. Die Umstände, durch die jeder ihrer Schritte an jedem einzelnen Tag ihres Lebens unter ständiger Beobachtung stand und jeder so viel von ihr erwartete und verlangte und darauf achtete, das sie ja alles richtig machte.
Nur war sie selbst erwartete und was für sie richtig und wichtig war, das war egal, das interessierte keinen.
„Und es begab sich an jenem Tag,“ die Elfe erhob ihre Stimme und mit einem Schlag waren alle Gespräche verstummt und alle Aufmerksamkeit war wie gebannt auf die glockenklare Stimme und das Porzellangesicht gerichtet. „als unsere liebe Aljanka unter Schmerzen in den Wehen lag,“ sie lächelte der vor ihr sitzenden Menschenfrau mit dem dunklen Haar anerkennend zu, „dass ein furchtbarer Sturm über unser Dorf hereinbrach. Bäume so alt wie 4 eurer Menschenleben knickten um wie Streichhölzer, die Dächer der Hütten hoben ab und flogen fort als wollten sie es den Vögeln im Himmel gleich tun und das ganze Dorf drohte unter dem Toben der Elemente vernichtet zu werden.“
Die Elfe machte eine kunstvolle Pause und ihre wasserblauen Augen blickten von einem ihrer Zuschauer zum nächsten.
Die Kinder zu ihren Füßen wagten kaum zu atmen aus Angst, auch nur eines ihrer Wörter zu verpassen.
Die älteren Dorfbewohner konnten sich noch all zu gut an den schrecklichen Sturm erinnern, sie schauderten, als Arundels Worten ihnen die Bilder der Zerstörung wieder in Erinnerung rief.
„Es war ein so furchtbarer Sturm, als hätten sich die fünf Elemente gegen unser Dorf verschworen und wollten es hinfort tragen in luftige Höhen oder hinunterreißen in dunkle Tiefen… In den 100 Jahren seit sich mein Kaer geöffnet hat, habe ich kein solches Unwetter erlebt.“
Die Kinder sahen sie atemlos mit weit aufgerissenen Augen an. 100 Jahre! Das war eine so unendlich lange Zeit, zählten die ältesten der Menschen im Dorf nur 70 Jahre und selbst sie schienen so unendlich alt zu sein, geboren in einer fremden Zeit die so lange zurück lag für die Kinder.
Die Zeitspanne, von der die Elfe mit solcher Leichtigkeit sprach, war für die meisten Menschen eine Ewigkeit, und keiner von ihnen, auch die aller ältesten nicht, hatte die Öffnung des Kaers und die Ansiedlung des Dorfes miterlebt.
„Die Frauen hatten sich in dieser Hütte hier versammelt um zusammen mit Iljoscha Aljanka beizustehen und das neue Leben in unserem Dorf zu begrüßen. Der Wind rüttelte und schüttelte an der Hütte, der Regen prasselte mit aller Wucht auf das Dach, man verstand sein eigenes Wort kaum mehr. Die Dachbalken knarzten und knackten unter der Belastung und alle wussten, die Hütte konnte dem Zorn der Elemente nicht mehr lange standhalten.
Und gerade als Aljanka mit einem letzten Aufschrei ihrer Tochter das Leben schenkte, brach der Sturm mit ganzer Kraft über uns herein. Das Dach wurde wie Papier von der Hütte gehoben und fortgetragen. Balken krachten in den Raum und Splitter bedeckten alles. Iljoscha griff nach seiner neugeborenen Tochter um sie vor dem Sturm zu beschützen und gerade als er sie hochhielt um sie anschließend an sich zu drücken, öffnete sie ihre goldenen Augen, blickte nach oben in den tobenden Sturm und stieß ihren ersten, lauten, fordernden Schrei in die brüllenden Böen…
Und Stille senkte sich über das Dorf. Der Sturm legte sich von einem Augenblick auf den nächsten. Die dunklen Wolken lösten sich in Nichts auf und machten dem blaue Himmel und der leuchtenden Sonne Platz.
Das ganze Dorf stand still und starr vor Erstaunen und Fassungslosigkeit gegenüber dem Wunder, dessen Zeugen sie gerade werden durften.
Nur das Kind in Iljoschas Armen gluckste und lachte und versuchte mit seinen Händchen die Sonnenstrahlen die durch das fehlende Dach in die Hütte drangen zu fassen.
Und Aljanka und Iljoscha gaben ihrer Tochter den Namen Andokai, die Sturmtänzerin.
14 Jahre ist es nun her, dass unsere Andokai zu uns kam und unser Dorf gerettet hat, und nie mehr gab es seither ein Unwetter das dem Dorf geschadet hätte…
Wenn man von Andokai selbst und ihrem Ungestüm einmal absieht.“
Die Elfe lächelte dem im Hintergrund sitzenden Mädchen wohlwollend zu. Die Kinder betrachteten Andokai als hätten sie die Königin der Blutelfen höchstpersönlich vor sich. Sie alle waren mit der Geschichte über Andokai und wie sie das Dorf gerettet hatte aufgewachsen und hielten immer ehrfurchtsvollen Abstand zu ihr.
Andokai schnaubte verächtlich aus, strich sich mit einer energischen Geste die wieder im Gesicht hängende Strähne hinters Ohr, stand auf und marschierte in die angrenzende Küche.
Sie konnte die Blicke nicht mehr ertragen, bewundernd, staunend, eingeschüchtert, konnte es nicht mehr hören, das Tuscheln und Raunen, die Gespräche, die abbrachen, wenn sie in Hörweite kam.
Und sie konnte diese verfluchte Geschichte nicht mehr ertragen, die Ereignisse, die vom Tag ihrer Geburt an ihr ganzes Lebens beeinflusst und in den Augen ihrer Eltern und des ganzen Dorfes ihre Zukunft vorherbestimmt hatten.
Die Kinder bewunderten und bestaunten sie… aber mitspielen hatte sie nie gedurft, die anderen waren zu verunsichert in ihrer Gegenwart. Nur durch den Spalt der Tür nach draußen linsend hatte sie sehen können, wie die Kinder sich verhielten, wenn sie nicht eingeschüchtert waren von ihrer Gegenwart. Viele Stunden hatte sie dort gestanden und manche Träne war geflossen.
Die Dorfbewohner suchten zwar oft ihre Gegenwart, ihre Eltern hatten ständig Besuch, aber niemand kam wirklich wegen ihr, Andokai, um zu sehen wie es ihr geht, sich mit ihr zu unterhalten, nein, alle wollten nur das ‚Wunderkind’ von Kirschgrube sehen.
Andokai, Sturmtänzerin, so hatte ihr Vater sie genannt und ihr damals, in jener Hütte, wie er später erzählte, auch ihr ihren wahren Namen ins Ohr geflüstert. Andokai Lusitu. Im Dialekt des Dorfes ausgesprochen bedeutete es ‚Lichter Ort inmitten des Sturms’
Manchmal wünschte sie sich, einer der Balken hätte sie in den Armen ihres Vaters erschlagen damals, denn selbst der Tod erschien ihr oft besser als dieses Gefängnis in dem sie nun steckte.
Ihr Vater und Arundel hatten bereits ihr ganzes Leben verplant, von Anfang bis Ende. Sie sollte so bald wie möglich einen Sohn eines der reicheren Bauern im Dorf heiraten und so ihrer Familie und dem Krämerladen ihres Vaters einen besseren Stand zusichern. Dann würde sie den Laden übernehmen und außerdem würde sie, die das Dorf gerettet und vor allem Bösen beschützt hatte, Dorfvorsteherin werden und das Dorf zu Reichtum und Wohlstand führen. Allen sollte es gut gehen, ein schönes erfülltes Leben führen können, Reichtümer ansammeln, das Dorf vergrößern, bekannt machen.
Allen sollte es gut gehen, aber was war mit ihr selbst?
Wer fragte danach was sie selbst wollte, sich wünschte, brauchte?
Bei dem Gedanken daran, so zu leben wie ihr Vater und Arundel es für sie vorsahen, hätte sie am liebsten geschrieen und um sich getreten und getobt. Wie ein Sturm fühlte sie sich, eingeschlossen zwischen Mauern und keine Möglichkeit auszubrechen, keinen Weg die angestaute Energie abzulassen, schwächer werden, sterbend…
Ein ersterbender Sturm, verlöschendes Feuer, verbrannte Erde… so fühlte sie sich bei dem Gedanken an ihre ihr bevorstehende Zukunft.
Sie wollte ihren Vater nicht enttäuschen, sie liebte ihn.
Aber es musste doch noch mehr geben als das hier!
Sie fuhr erschrocken herum als sie eine Hand auf ihrer Schulter spürte. Ihr Vater stand vor ihr und starrte sie an. Sie konnte sehen dass er bereits tief in seinen Bierkrug geblickt hatte. Er nahm sie am Handgelenk und versuchte sie wieder in Richtung der Stube zu ziehen.
„Was trödelst du hier rum Kind? Die Leute sind alle wegen dir da, sie wollen dich sehen, also geh rein da! Ist gut fürs Geschäft, du weißt schon…“
Sie hätte am liebsten einfach nur geschrieen, geschrieen so lange bis der Sturm vielleicht wieder kam und die Arbeit vollendete, die er am Tag ihrer Geburt unerledigt gelassen hatte. Gut fürs Geschäft, das war anscheinend alles war sie für ihren Vater war. Warum nagelte er sie nicht gleich an die Eingangstür als Reklameschild?
Iljoscha merkte nichts von dem Aufruhr, den seine Worte in seiner Tochter auslösten, sein Blick war viel zu sehr gefesselt von den vielen Anwesenden Gästen, die angelockt durch das Fest in Zukunft wieder öfters bei ihm und nicht im Laden auf der anderen Seite der Stadt einkaufen würden, um seine besondere Tochter zu sehen.
Er drückte ihr Handgelenk fester und dirigierte sie in eine Ecke der Stube.
„Andokai, begrüße doch Ralnus und seinen Sohn Jiftach. Du weißt doch, Ralnus gehört der große Hof zwei Meilen außerhalb des Dorfes, er beliefert mich immer mit frischem Obst und Gemüse. Und Jiftach wird später der ganze Hof gehören.“
Sie wunderte sich, dass ihrem Vater nicht der Speichel aus dem Mund lief, so begehrlich klang seine Stimme. Er gab ihr einen kleinen Schubs, so dass sie strauchelte und Jiftach nutzte die Chance und zog sie auf seinen Schoß. Angewidert versuchte Andokai sich wieder hochzurappeln, doch ein muskulöser Arm fasste um ihre Taille und hielt sie fest wie ein Eisenriegel.
Jiftach war ein durchaus ansehnlicher Mann, er war von großer stattlicher Statur, hatte Muskeln wie ein Ochse, sein Haar war voll und wellig und glänzte wie Gold und sein lächelnd konnte die meisten der Mädchen im Dorf in sekundenschnelle in kichernde 5jährige verwandeln.
Doch was die Passionen ihm fast zu viel an Aussehen und Muskelkraft mitgegeben hatten, hatten sie Andokais Meinung nach sehr stark an seinen Geisteskräften eingespart. Irgendwie schien er auf dem Geistigen Niveau eines 6jährigen stehen geblieben zu sein, nur seine Gelüste nach den jungen Mädchen unterschieden ihn von den Kindern. Er konnte nicht auf anhieb sagen, wie viele Finger er wohl an beiden Händen hatte und alle darüber hinausgehenden Fragen hätten ihn restlos überfordert.
Seine Dummheit an sich hätte ihn noch nicht so abstoßend gemacht, jedoch mischte sich zu seiner Unbedarftheit auch noch ein großes Maß an Sadismus. Schon als Junge hatte er Käfer und Mäuse gequält, ihnen Beine ausgerissen und abgeschnitten, sie bei lebendigem Leibe geröstet, ihnen Fühler und Haare einzeln ausgezupft und ähnliche Grausamkeiten zugefugt. Mit dem Maße in dem er wuchs, wuchs auch das Maß seiner Grausamkeiten und die Größe seiner Opfer. Gerüchte besagten dass er auch seine Mutter und seine Schwestern wie Vieh behandelte, es blieb jedoch nur bei Gerüchten, da keine der Frauen des Ralnus-Hofes jemals im Dorf gesehen wurde.
Erst vor einer Woche hatte Andokai mit ansehen müssen, wie Jiftach einen an den Beinen gefesselten Welpen immer wieder abwechselnd dicht über eine Flamme hielt und dann wieder beinahe ertränkte, bis er ihn schließlich auf den Steinen des Baches zerschellen ließ.
Sie hatte alles versucht um den Kleinen zu retten, doch weder ihre Tritte noch ihre Schläge hatten den Riesen berührt, er hatte nur gelacht und weiter gemacht. Weinend vor Zorn und Hilflosigkeit hatte sie das grausige Spiel mit ansehen müssen.
Und nun saß sie auf dem Schoß dieses Ekels und seine dicken schmutzigen Pranken hielten sie fest umklammert.
Die Augen ihres Vaters blitzten seltsam auf, als er seine Tochter auf Jiftachs Schoß sah und auch Ralnus grinste zufrieden. Andokai war sich nicht sicher was dies zu bedeuten hatte, aber es gefiel ihr ganz und gar nicht.
Jiftach drückte seinen Mund an ihr Ohr und flüsterte ihr hinein. „Na mein Stürmchen, plötzlich so zahm? Vielleicht wird’s ja doch noch was mit uns…“ Sein schneller werdendes Schnaufen an ihrer Wange und zittern seiner Lenden, dass sie, an seinen Schoß gedrückt spürte, ekelten sie an, sie hätte ihm am liebsten ins Gesicht gespuckt.
Iljoscha schlug Ralnus auf die Schulter und grinste ihn an. „Na, da scheinen sich doch zwei gut zu verstehen. Vielleicht sollte man das nutzen?“
Andokai wurde beinahe schwindlig, sie ahnte worauf das hier hinaus laufen sollte und hatte nur einen Gedanken: Weg hier bevor ihr Vater das aussprach, was sie schon seit Jahren fürchtete.
Sie hob das Bein und ließ ihren Fuß mit voller Wucht auf Jiftachs Fuß niederknallen. Die Lockerung seiner Arme während er vor Schmerz aufschrie, nutzte sie um von seinem Schoß und unter seinen Armen durch zu schlüpfen und sie einige Schritte von ihm zu entfernen.
„Ich glaube ich habe Mutter draußen rufen hören, sie braucht meine Hilfe,“ mit diesen Worten raffte Andokai ihre Röcke, drückte die Tür auf und lief nach draußen in die Nacht.
Verwirrt sah ihr Vater zu seiner Frau, die in der Ecke des Raumes saß und sich leise mit anderen Frauen unterhielt, während Jiftach seinen schmerzenden Fuß hielt und Andokai still verfluchte.
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Elara:
Es war vor allem die Einsamkeit, die ihr so sehr zu schaffen machte in ihrem jetzigen Dasein. Sie hatte einmal ein Zitat gehört. "Wir sind die Schatten, wir haben keine Nummern, aber einen Namen: Legion". Ja, Legion, denn es waren viele, so unendlich viele. Und doch waren sie alle einsam, alle für sich allein.
Denn in einem Geschäft, in dem Paranoia lebensnotwendig, Freundschaft Schwäche, und Vertrauen tödlich sein konnte, war man entweder alleine oder tot.
Und selbst den Menschen, die einem am nächsten waren, konnte man niemals die volle Wahrheit sagen, man musst sie anlügen, und die tödliche Vergangenheit und Zukunft lag wie eine Trennwand zwischen einem. Selbst wenn man gemeinsam Aufträge erledigte, war man durch sie getrennt.
Nähe, Vertrautheit, Liebe, all das war doch im Grunde eine Illusion, eine tödliche Illusion. Die Frage war stets nur: tödlich für wen? Wem würde es diesmal das Leben kosten. Muss man wieder den Tod eines Geliebten Menschen mitansehen, oder wird es diesmal der Eigene sein?
Wer würde dieses mal an ihrer Unvernunft die Tatsache einzusehen, die Tatsache, dass man als \'Schatten\' zur Einsamkeit verdammt war, sterben? Sie oder Er?
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Mona:
Nürnberg, 7. Februar 2004
Der Priester schreckte aus seinen Überlegungen hoch, als das kleine rote Lämpchen über seinem Kopf schwach zu leuchten begann. Erstaunt betrachtete er es, war es kaputt? Er hatte gar nicht gehört dass jemand den Beichtstuhl betreten hatte. Auch war es höchst ungewöhnlich, dass jemand um diese Zeit noch zur Beichte kam. Eigentlich saß er jeden Abend nur noch hier, weil er eben hier sein musste, weil es eben so angeschlagen war.
Er lauschte in die Kabine neben ihm, und hörte im ersten Moment gar nichts, nicht einmal einen Atemzug. Die Lampe musste kaputt sein. Doch dann hörte er das vertraute leise Knirschen des Holzbretts, wenn jemand sich darauf kniete. Also war doch jemand da. Mit einem Ruck schob er die kleine Holzklappe auf, die seine Kabine von der nebenan trennte.
Durch die engen Maschen des Gitters in der kleinen Öffnung sah er sein Gegenüber nur sehr undeutlich und verschwommen. Das schemenhafte Gesicht leuchtete weiß in der Dunkelheit des Beichtstuhles, ein schwarzes Tuch umrahmte es. Eine dunkle Haarsträhne fiel ihr ins Gesicht. Direkt vor dem Gitter konnte er nun gefaltete Hände erkennen. Junge Hände, ebenso weiß wie das Gesicht. Ein Silberring an der rechten Hand, einer an der linken. Nun lösten sich die Hände voneinander und vollführten das Kreuzzeichen, bevor sie sich wieder fanden.
"Vergib mir Vater, denn ich habe gesündigt..." Die Stimme der jungen Frau drang leise doch voll zu ihm. Ein leichtes Zittern lag in ihr und er konnte es nicht zuordnen, Trauer? Angst? Das sein später Besucher anscheinend so jung war, wie ihm die Stimme verriet, verwunderte ihn noch mehr. Noch seltener als so späte Besucher verirrten sich unbekannte Leute hier in die Kirche. Er kannte seine treuen Schäfchen eigentlich alle, doch diese Stimme, diese Frau war ihm unbekannt. Er wusste nicht warum, doch ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, für einen Moment wurde ihm unheimlich zu Mute, doch er verwarf diese Empfindung sofort wieder. Lächerlich.
"Wann war deine letzte Beichte meine Tochter?"
"Ich muss gestehen, Vater, sie ist schon sehr lange her. 10 Jahre... Ich wollte..." Ihre Stimme versagte für einen Moment.
Er wusste schon jetzt was kommen würde. Keine der 08/15 Beichten, so wie die alten Damen sie immer absolvierten... Hier war jemand der reden wollte, doch niemanden dafür hatte. Heutzutage mussten zwar eher die Barkeeper für so etwas herhalten, doch auch heute verirrten sich noch manche dieser verirrten Schäfchen in die Beichtstühle. Ehrlich gesagt waren ihm diese Gespräche auch lieber als die normalen Beichten.
"Was hast du auf den Herzen Kind?"
"Vater, glaubt ihr, dass es..." sie zögerte einen Moment, dass Beben in ihrer Stimme war stärker geworden, "dass es Menschen gibt, die von Gott verflucht werden, für das was sie sind und tun?"
Vieles hatte er erwartet, Liebeskummer, Trauerfälle oder ähnliches. Aber nicht so etwas.
"Nun ja, Gott liebt seine Kinder, jedes einzelne von ihnen, und würde sie niemals verfluchen, ohne die Möglichkeit Buße und Vergebung zu erlangen... Glaubst du Gott hat dich verflucht, meine Tochter?"
"Ich glaube es nicht nur... Ich weiß es, ich sehe es jedesmal wenn ich in den Spiegel sehe, jedes mal wenn ich ein Kind sehe, jeden Moment den ich existiere..."
Die Bitterkeit in ihrer Stimme ließ ihn abermals erschaudern. Noch niemals hatte er soviel Verbitterung und auch Verzweiflung in einer Stimme gehört. Was mochte ihr nur widerfahren sein, dass sie der Überzeugung war, Gott hätte sie verflucht? So etwas hatte er noch nie im Ernst gehört.
"Was immer du getan hast, mein Kind, dass du glaubst Gott hätte dich verflucht, du kannst Buße tun. Beichte deine Sünden, und der Herr wird dir vergeben."
Ein leises Schluchzen war von seinem Gegenüber zu hören, und seltsamerweise krampfte ihm das Herz zusammen.
"Was, wenn ich die Sünde bin?"
"Wie, wie meinst du das?"
"Wenn ich die große Sünde vor dem Antlitz unseres Herrn bin, ich bin der Grund für diesen Fluch, meine Existenz, jede Sekunde die ich auf Erden wandle ist ein Ärgernis für ihn. Ich bin ein Schandfleck auf Erden geworden, unnatürlich, verflucht, nur weil ich einmal eine falsche Entscheidung traf..." Wieder versagte ihr die Stimme.
Das Gehörte hatte ihn nun endgültig verwirrt. Was mochte diese junge Frau nur getan haben, oder was hatte man ihr angetan, dass solche Gedanken in ihr wohnten.
"Willst du mir nicht erzählen Tochter, was dich so quält? Was dich auf solche Gedanken bringt? Erleichtere deine Seele, Kind!"
Als er erneut durch das Gitter blickte, bemerkte er erstaunt, dass zwei rote Tränen über das schneeweiße Antlitz liefen. Für einen Moment hatte er das Bild einer der weinenden Madonnen aus Südamerika vor Augen. Diese Wunder über die sich die Geister der Geistlichen weltweit schieden.
"Ich kann nicht Vater," antwortete sie und die Verzweiflung, die diese junge Frau ausstrahlte, war so dicht und greifbar, dass sie ihm beinahe die Luft abschnürte. "Ich kann nicht, Vater, denn dann wäret ihr genau so verdammt wie ich."
Dann hörte er nur noch das leise Knirschen des Brettes und mit einem Mal war die Kabine ihm gegenüber leer. Sofort riss er die Tür auf und hastete aus dem Beichtstuhl. Doch er sah nur noch die zuschlagende Tür und die Kerzen, deren Flammen im Windzug tanzten. Die Kirche war leer.
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Mona:
Wien, März 2003
"Was machst du da??" Aprupt blieb sie stehen, kaum dass sie die Tür zum Hotelzimmer hinter sichgeschlossen hatte. Er sah nicht auf zu ihr, sondern packte weiter seine Sachen aus dem Schrank in einen kleinen schwarzen Koffer. "Du packst?? Warum?" Als er immer noch nicht aufsah, lief sie zu ihm und packte seine eiskalten Hände. "Sieh mich an!! Warum packst du? Du verläßt mich?! Warum? Verlass mich nicht, bitte!"
Langsam hob er den Kopf und sein Blick fing sich mit dem ihren. Ihre Augen glitzerten rot von Tränen. "Cherie, ich muss weg hier. Sie wissen das ich hier bin, dass ich mich nicht vorgestellt habe, und dass ich gesucht werde. Ich muss weg hier, oder sie werden mich töten. Das verstehst du doch, oder, Liebes?" "Aber..." "Psssst..." Sanft legte er ihr einen Finger auf die Lippen und ließ sie dadurch verstummen.
"Ich muss weg, daran lässt sich nichts ändern. Aber, wir werden uns wiedersehen, Liebes, ich verspreche es dir. Wir sehen uns wieder, auch wenn es dauern kann. Ich werde dich finden."
"Aber was soll ich dann machen? Ich bin dann ganz alleine hier. Ich ertrage diese Stadt nicht alleine!"
Eine rote Träne lief über ihre Wange, als sie sich auf die Bettkante fallenließ und die Augen niederschlug. Er kniete vor sie und nahm ihre Hände, führte sie an seine Lippen und küsste sie kurz und sanft. "Du hast recht, diese Stadt ist nichts mehr für dich. Ich sehe es jede Nacht in deinen Augen, wie sehr dich die Erinnerung quält. Bleib nicht hier. Geh zurück nach Nürnberg, dort gehörst du hin."
"Aber dort..." "Ja, ich weiß, auch dort schmerzt die Erinnerung. Aber du hast dort noch etwas zu erledigen. Und ich weiß, du wirst keine Ruhe finden, bis es getan ist."
Entzürnt sprang Mona auf und lief durch das kleine Zimmer. Am Fenster mit dem Blick auf die Oper blieb sie stehen und sah kurz hinaus auf die Lichter der Stadt. Dann drehte sie sich um, die Augen blitzend vor Zorn. "Sie haben mich gedemütigt bis aufs Blut! Sie haben mich bloßgestellt, vor allen! Sie haben alles zerstört was mir etwas bedeutet hat! Und Silvia, sie hat mich verraten, verkauft! Ich kann nicht zurück, ich kann nicht zurückkehren und mein Knie vor ihnen beugen, unterwürfig wie ein Hund! Das kannst du nicht verlangen, nein!"
Langsam trat er zu ihr. "Oh doch, das kannst du. Und du wirst es. Keiner dort kann dich demütigen, mein Liebes. Keiner dort hat solche Macht über dich, als dass er das könnte. Du kannst und wirst dein Knie vor ihnen beugen, denn es ist der einzige Weg, dort wieder unter zu kommen. Vergiß nie, Cherie, sie können dich dazu zwingen, deine Knie vor ihnen zu beugen, aber sie können dich nicht dazu zwingen, deinen Geist vor ihnen zu beugen. Er ist frei von allen Zwängen, und so stark, so stark... Auch Silvia hat nicht die Macht dazu... Geh zurück."
Der Zorn in ihren Augen schwand, und beinahe konnte er sehen, wie sie vor seinen Augen in sich zusammenfiel. Ihre Augen verloren den Glanz und blickten stumpf durch ihn hindurch, ihre Haut wirkte noch blasser als sonst. "Ich kann nicht," flüsterte sie leise. "Ich kann nicht... Ich kann nicht! Ich kann ihnen nicht unter die Augen treten, ich könnte es nicht ertragen...."
Sie warf sich in seine Arme und er hielt sie sanft fest. "Oh doch, du kannst das, mein Liebes. Tu es für mich, denn ich weiß es wird dir helfen. Aber vor allem tu es für dich... Geh zurück." "Ja, ja, ich werde es tun... Ich gehe..."
"Und vergiß niemals mein Liebes, du bist nicht allein. Hier," er strich ihr sanft über den Kopf,"bin ich immer bei dir."
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Mona:
Wien, Februar 2003
„Sieh sie dir an, Cheriè. Hab ich zuviel versprochen? Sie ist wunderschön, nicht wahr?“ „Ja, das ist sie. Wunderschön…“ Mona brachte nicht mehr als ein leises Flüstern über ihre Lippen. Er hatte Recht gehabt, sie war wunderschön, sie sah aus wie ein Engel, oder eine Fee aus einem dieser alten schönen Bilder. „Sie sieht so traurig aus. Sie weint… Warum weint sie?“ „Sie hat Angst.“ Seine Stimme klang mitleidig und gleichzeitig sehnsuchtsvoll, während er sie ansah, wie sie dort unter dem Baum zusammengekauert saß und leise weinte. „Wovor hat sie Angst? Vor uns?“ „Nein, sie weiß nicht dass wir da sind. Und auch wenn sie es wüsste, sie hätte keine Angst vor uns.“ „Wovor hat sie dann Angst?“ „Sie hat Angst vor dem Morgen. Vor dem was der nächste Tag bringen wird. Die Leere, die Trauer, die Schmerzen, die neue Angst, wieder vor dem nächsten Tag, die wieder neue Trauer. Tag für Tag dasselbe Leid. Sie hat Angst davor, dass es niemals enden wird. Dass sie niemals den Mut finden wird es zu beenden.“
Mona konnte den Blick nicht von dem Mädchen lassen. Er hatte von ihr erzählt, aber keine Erzählung konnte ihrer zarten Schönheit wirklich gerecht werden. „Und warum fühlt sie so? Warum leidet sie?“ „Der einzige Freund den sie hatte ist gestorben. Jetzt ist sie alleine, ganz alleine… Sie sehnt sich danach zu ihm zu kommen. Aber sie hat nicht den Mut dazu. Und sie weiß nicht ob sie ihn jemals haben wird. Sie hat Angst davor, immer so weiter zu leben.“ „Woher weißt du das alles? Kennst du sie?“ Ein leises Lächeln huschte über seine Lippen und er deutete kurz auf seine Augen. „Ich sehe es. Ich sehe mehr als deine Augen sehen können. Ich sehe in ihre Seele.“
„Und du denkst…?“ „Ja, das denke ich… erfüllen wir ihr diesen Wunsch, diesen letzten und größten Wunsch.“ „Aber… aber wir können sie doch nicht einfach… töten!“ „Oh doch, wir können, und das weißt du so gut wie ich… wir können ihr diesen großen letzten Wunsch erfüllen. Du kannst ihn ihr erfüllen! Sie wird sterben, mit einem Lächeln auf den Lippen und dem schönsten Gefühl ihres Lebens, in absoluter Ekstase. Und sie wird dann auf immer bei ihrem geliebten Freund sein…“ Er nahm Monas eiskalte Hand in die Seine. „Du kannst sie von ihrem Leid befreien, Mona! Du! Sieh sie dir an… Es ist eiskalt, sie friert, sie leidet, sie will nichts mehr als sterben. Du kennst dieses Gefühl, nicht wahr?“ Er sah ihr tief in die Augen und sie hatte für einen Moment fast das Gefühl als würde er ihre Seele berühren… wenn sie noch eine hätte. „Du kennst dieses Gefühl, und du hast dir so oft gewünscht, jemand möge dir die Entscheidung abnehmen, dich erlösen, nicht wahr? Aber keiner hat dich erlöst, und du weißt, jetzt wird dich keiner mehr erlösen. Du kannst für sie der Todesengel sein, den du dir immer wünschtest, den sie sich wünscht, Nacht für Nacht.“ Erschrocken riß Mona sich von seinem Blick los, verbannte seine Stimme aus ihrem Kopf. Der Todesengel… die Träume jede Nacht, die Wünsche… Niemand hatte sie erlöst… Nein, sie wurde statt dessen zu der Ewigkeit verbannt, einer Ewigkeit des Leidens. Noch immer träumte sie oft von dem Todesengel, betete Nacht für Nacht zu ihm, doch er ließ sie im Stich.
„Du kannst sie erlösen Mona! Vermutlich wird sie sowieso nicht mehr lange leben… Willst du dass sie an irgendeiner Straßenecke stirbt, erfroren, verhungert, oder von einem Junkie erstochen für ein paar Cent?! Erlöse sie Mona!“
„Nein! Ich kann nicht! Und wir dürfen nicht! Wir können sie doch nicht einfach töten! Es würde Aufsehen geben, eine blutleere Leiche…“
„Du Dummerchen… kleine süße naive Mona… Ich weiß warum ich dich so gerne habe… du bist so wundervoll naiv und blauäugig… natürlich darfst du sie nicht durch das Trinken töten. Trink von ihr, labe dich an ihr, schenke ihr diesen wundervollen Moment. Und dann, im Moment wo es für sie am schönsten ist, und du glaubst, du könntest nie wieder aufhören von ihr zu trinken, dieses wundervoller süße warme Blut, diesen wundervollen Geschmack des Blutes, der nur bei so schönen jungen Mädchen in dieser Reinform zu finden ist, wenn du es in deinem Körper pulsieren fühlst, warm und pochend, lebendig in deinem toten Körper, dann… brich ihr das Genick, schnell und schmerzlos. Du bist stark, sehr stark… für dich ist es leichter als für mich. Niemand wird Verdacht schöpfen. Wir legen sie unter die Brücke, jeder wird glauben sie sei hinunter gefallen, gesprungen. Und du hast sie erlöst! Sie ist dann endlich dort, so sie sich so sehr hinsehnte!“ Wieder blickte er ihr tief in die Augen. „Willst du das für sie tun? Wirst du sie erlösen? Oder muss sie weiter leiden?“ „Ich… ja… ich will… ich will sie!“ Eine unglaubliche Gier stieg in ihr auf, während sie seine Worte hörte und sie das Mädchen betrachtete. Beinahe glaubte sie, schon aus dieser Entfernung das süße warme Blut in ihren Adern pulsieren sehen zu können. Sie schüttelte sich, als könnte sie dadurch diese Gedanken aus ihrem Kopf kriegen. „Warum nimmst du sie nicht? Sie ist so schön, warum befreist du sie nicht?“ Wieder erschien das kleine wissende Lächeln auf seinen Lippen. „Nein, sie gehört dir. Sie ist bestimmt für dich, sie wartet auf dich. Das weiß ich seit ich sie das erste Mal sah. Und ihren Freund. Ich habe ihn erlöst, sie gehört dir.“
Entsetzen spiegelte sich auf Monas Gesicht. „Du?! Du hast ihn getötet?! Warum, oh Gott?!“ Beschwichtigend legte er ihr die Hand auf den Arm und sofort beruhigte sie sich unter seiner Berührung. „Er war krank, er litt schreckliche Qualen. Ich habe ihn erlöst, so wie du sie jetzt erlösen wirst, und sie zu ihm bringen wirst, für immer.“
Mona schwankte einen Moment lang zwischen Abscheu und Faszination, doch ein Blick in seine Augen reichte, um die Faszination überwiegen zu lassen. „Ja,“ flüsterte sie leise, „ja, ich werde sie erlösen. Sie soll nicht weiter leiden. Ich werde ihr den letzten und ewigen Traum geben, sie vereinen.“ Lächelnd reichte er ihr die Hand. „Dann komm.“
Das Mädchen hob den Kopf und ließ Mona nun einen Blick auf ein Stück Vollkommene Schönheit werfen. Rotblonde Locken umspielten ein Gesicht von solcher Zartheit, wie Mona es noch nie zuvor gesehen hatte. Große dunkelblaue Augen machten dieses Gesicht einfach unwiderstehlich. Die Wangen waren tränennass und unglaublicher Schmerz lag in ihren Augen.
„Wer seid ihr?“ Ihr Blick wanderte von Mona zu ihrem Begleiter. „Ich kenne dich von irgendwoher. Wer seid ihr?“ Die beiden standen immer noch regungslos vor ihr und sahen sie an. „Ihr seid so schön. Seid ihr Engel? Kommt ihr endlich mich zu holen?“
Es musste einen seltsamen Anblick für sie ergeben. Hier, in dieser gottverlassenen Gegend, mitten in der Nacht, plötzlich ein junges Pärchen, beide kaum älter als 18 Jahre. Beide vollkommen in schwarz gekleidet, er in Leder und sie in Samt, dunkel geschminkt, dunkle Haare und blitzende Augen, die sie begehrlich und doch sanft anstarrten. Langsam rappelte das Mädchen sich auf. „Kommt ihr endlich mich zu holen?“ wiederholte sie noch einmal. Leise lächelnd trat Mona auf sie zu. „Ja, wir kommen dich zu holen. Wir schenken dir was du dir so sehr wünschst. Wir bringen dich zu ihm.“ Sie nahm ihre Hand und zog sie dicht an sich. Das Mädchen sah ihr vertrauensvoll in die Augen. „Ja, bitte bringt mich zu ihm.“ Dann schloss sie die Augen.
Ihre Haut duftete so zart, wie eine Blumenwiese nach einem Gewitter, rein und frisch. Mona sah das Blut in den Adern dicht unter ihrer Haut pulsieren, so verlockend. Mit einer zarten Bewegung, wie eine Mutter ihr Kind streichelt oder ein Liebhaber zum ersten Mal die Frau berührt, sanft wie ein Lufthauch, zog sie sie an sich, umarmte sie, und nahm sich wonach sie sich so sehr sehnte. Sie fühlte das warme Blut des Mädchens in ihrem Mund, der süße schwere Geschmack, einen Geschmack wie sie ihn nie zuvor erlebt hatte, niemals zuvor war ihr dieses Übel, das Blut trinken zu müssen als etwas wundervolles, atemberaubendes erschienen. Doch jetzt in diesem Moment, war es plötzlich gut, so gut. Sie hatte die Macht über das Leben dieses Mädchens, sie nahm ihr Leben in sich auf, sie schenkte ihr das was sie sich am meisten wünschte. Und sie starb mit einem Lächeln auf den Lippen. Ja, sie genoss es, das Mädchen schien es so sehr zu genießen, sie lachte und stöhnte leise, seufzte. Mona fühlte wie ihr Körper durch das Leben dieses Mädchens wieder lebendig wurde, wie es pulsierte, strömte, beinahe als hätte sie wieder einen menschlichen Körper.
Von ferne hörte sie plötzlich seine leise Stimme. „Jetzt Mona… erlöse sie!“ Nein, schoß es ihr durch den Kopf. Nein, ich will sie auf ewig fühlen, ich will sie nicht loslassen! „Mona, tu es jetzt!“ Sanft legte sie die Hände um den Hals des Mädchens, das immer noch lächelnd in ihren Armen lag, schon halb bewusstlos. Und mit einem schnelle Handgriff brach sie ihr das Genick. Für einen Moment noch hielt sie sie im Arm. Selbst im Tod zierte das Lächeln noch ihre Lippen, ließ sie beinahe überirdisch schön erscheinen. Dann ließ sie sie langsam auf den Boden gleiten.
Lächelnd kam er auf Mona zu und klopfte ihr auf die Schulter. „Das hast du sehr gut gemacht, Cherie, sehr gut. Sieh nur, du hast sie glücklich gemacht. Vielleicht so glücklich wie noch nie zuvor in ihrem Leben.“ Sie war immer noch wie berauscht von dem Erlebnis, und hörte kaum was er sagte. Sie ließ sich ebenfalls zu Boden fallen, lächelnd und halb weggetreten, beinahe fühlte sie sich wie auf einem Trip. Teilnahmslos sah sie zu wie er die Leiche hochhob und zu der nahegelegenen Brücke brachte und sie dort platzierte als wäre sie hinuntergestürzt. Dann kam er zu ihr zurück.
„Komm schon, wir müssen hier weg. Ich bringe dich nach hause.“ Er nahm sie bei der Hand. Im vorbeigehn konnte sie kaum den Blick von ihr lösen und immer noch fühlte sie pulsierend das süße Blut ihn ihrem Körper. „Keine Sorge Cherie, es gibt viele von ihnen. Es gibt so viele von ihnen. Und sie alle sehen sich nach dem Ende, der Erlösung… sie alle beten um die Todesengel.“ „Die Todesengel…“
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